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Ernährung bei Schwangerschaftsdiabetes – Warum er entsteht und was man tun kann

von Martin Auerswald, M.Sc.
Junge schwangere Frau als Silhouette im Sonnenlicht am Strand

Zuletzt aktualisiert am 7. September 2020 um 11:13

Wenn Dein Blutzucker verrückt spielt, spiegelt Dein Körper dies wider. Eine Zeit, in der Du das besonders wenig gebrauchen kannst, ist die Schwangerschaft. Doch was hat es mit Schwangerschaftsdiabetes auf sich und wie ist es möglich, den Blutzucker wieder in den Griff zu bekommen? Diese und weitere Fragen klären wir heute in diesem Gastbeitrag von geschrieben von Dr. Claudia Miersch (Ernährungswissenschaftlerin).

 

Schwangerschaftsdiabetes – die häufigste Komplikation in der Schwangerschaft

Schwangerschaftsdiabetes (oder medizinisch Gestationsdiabetes) ist die häufigste Komplikation in der Schwangerschaft, bei der es durch Störungen im Kohlenhydratstoffwechsel zu erhöhten Blutzuckerwerten kommt. Sie ist eine Sonderform der Zuckerkrankheit, die erstmals in der Schwangerschaft festgestellt wird.

Laut der aktuellen Geburtenstatistik sind etwa 6 % aller Schwangerschaften betroffen, wobei die Zahlen in den letzten 15 Jahren stetig gestiegen sind. International variieren die Häufigkeiten sehr stark und liegen zwischen 1-20 %. Als Risikofaktoren werden häufig das Alter (über 35 Jahre) und Übergewicht genannt.

Jedoch zeigen einige wissenschaftliche Studien, dass unter den Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes auch viele normalgewichtige Frauen betroffen sind. Die Werte schwanken zwischen 30 und 65 %.

 

Schwangerschaftsdiabetes: Risiken für Mutter und Baby

Auch wenn Betroffene häufig nur geringe Symptome haben, ist Schwangerschaftsdiabetes mit verschiedenen Komplikationen für Mutter und Baby verbunden und kann unbehandelt das Risiko für verschiedene Folgeerkrankungen erhöhen.

Mutter Baby
Während der Schwangerschaft:
+ Bluthochdruck + Fehlgeburten und Missbildungen
+ Harnwegsinfektionen + Störungen der Lungenreife
+ Schwangerschaftsvergiftungen + exzessive Gewichtszunahme
Unter der Geburt:
+ Kaiserschnitt + Geburtsverletzungen
+ Geburtsverletzungen + vorzeitige Wehen
+ Einschränkungen für eine selbstbestimmte Geburt
Unmittelbar nach der Geburt:
+ Unterzuckerung
+ Gelbsucht
Nach der Schwangerschaft:
+ später Diabetes Typ 2 + Stoffwechselprägung für Übergewicht, Diabetes und Herzkreislauferkrankungen
+ Herzkreislauferkrankungen

 

Diagnose über das routinemäßige Diabetes-Screening

Im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen zwischen der 24.-28. Schwangerschaftswoche erfolgt das Diabetes-Screening mithilfe eines zweistufigen Verfahrens. Zunächst wird in einem Vortest 50 g in Wasser gelöste Glukose getrunken und nach einer Stunde der Blutzuckerwert über eine Blutabnahme ermittelt. Der Test erfolgt morgens, jedoch muss die Schwangere nicht nüchtern sein.

Störungen im Blutzucker werden ausgeschlossen, wenn der Wert unter 7,5 mmol/l (135 mg/dl) liegt. Ist der Wert auffällig, schließt sich ein klassischer oraler Glukosetoleranztest mit 75 g Glukose an, bei dem sowohl nüchtern als auch nach einer und zwei Stunden die Blutzuckerwerte bestimmt werden. Liegt einer der drei gemessenen Werte über folgenden Grenzwerten, erfolgt die Diagnose „Gestationsdiabetes“:

– Blutzucker im nüchternen Zustand: ≥ 5,1 mmol/l (92 mg/dl)

– Blutzucker nach 1 Stunde: ≥ 10 mmol/l (180 mg/dl)

– Blutzucker nach 2 Stunden: ≥ 8,5 mmol/l (153 mg/dl)

 

Was passiert im Körper bei Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes?

Im Verlauf jeder Schwangerschaft kommt es durch verschiedene Hormone aus der Plazenta zu einer wachsenden Insulinresistenz, das heißt Leber, Muskel- und Fettgewebe werden unempfänglich für das Insulinsignal und nehmen weniger gut den Zucker aus dem Blut auf. Wissenschaftliche Studien zeigen eine 50- bis 70 -prozentige Minderung der Insulinwirkung.

Dieser natürliche Effekt unterstützt die Versorgung des Ungeborenen, da durch die langsamere Aufnahme von Glukose in die Zellen der Mutter, dem Baby mehr Glukose zur Verfügung steht. Gerade im letzten Drittel der Schwangerschaft benötigt der Fötus viel Energie für das schnelle Wachstum. Um trotz der Insulinresistenz normale Blutzuckerspiegel aufrecht zuhalten, schüttet der Körper mehr Insulin aus.

Nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit wird in der Schwangerschaft 3- bis 4-mal mehr Insulin ausgeschüttet als davor. Bei Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes schafft der Körper es jedoch nicht, diese notwendige Steigerung der Insulinausschüttung zu leisten.

Kohlenhydrate in Form von Pasta und Brot auf Holztisch

Kohlenhydrate können den Körper bei mangelnder Insulinversorgung an seine Grenzen bringen.

 

Unterschiede zwischen Schwangerschaftsdiabetes und Diabetes Typ 2

Schwangerschaftsdiabetes wird häufig mit dem Diabetes Typ 2 gleichgesetzt, da man die gleichen Ursachen und Mechanismen dahinter vermutet und ähnliche Therapieansätze verwendet.

Jedoch gibt es wesentlich Unterschiede zwischen den beiden Diabetes-Formen:

  1. Die Blutzucker-Grenzwerte, die zur Diagnose Schwangerschaftsdiabetes führen, liegen deutlich unter den Grenzwerten für die Diagnose Typ 2 (nüchtern: ≥ 7,0 mmol/l; 2h-Wert: ≥11,1mmol/l).
  2. Im Rahmen der Therapie werden für den Schwangerschaftsdiabetes viel strengere Blutzucker-Ziele (nüchtern: 3,6-5,3 mmol/l, 1h nach dem Essen: <7,8 mmol/l, 2h nach dem Essen: < 6,7 mmol/l) vorgegeben als beim Typ 2 (nüchtern: <6,9 mmol/l, 2h nach dem Essen: <11 mmol/l).

Diese Unterschiede finden in der Ernährungstherapie des Schwangerschaftsdiabetes jedoch keine Berücksichtigung. Durch fehlende wissenschaftliche Beweise für schwangerschaftsspezifische Schulungsprogramme, werden die Ernährungsempfehlungen für Diabetes Typ 2 herangezogen.

Auch wenn Schwangerschaftsdiabetes nicht unmittelbar vergleichbar ist mit einem bestehenden Diabetes Typ 2, sollte man die Gefahr nicht unterschätzen. Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes haben ein 7-fach höheres Risiko, während ihres späteren Lebens an Diabetes zu erkranken.

Bis zu 50 % der Frauen, die während einer ihrer Schwangerschaften an Diabetes litten, entwickeln in den nächsten 5-10 Jahren den klassischen “Altersdiabetes”. Dabei stellt ein erhöhter Nüchternblutzuckerspiegel einen besonders starken Risikofaktor dar. Und auch die Kinder von Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes haben ein deutlich erhöhtes Risiko an Diabetes zu erkranken.

Bluttests

Volkskrankheit Diabetes

 

Die wichtigsten Ernährungstipps bei Schwangerschaftsdiabetes

Die Behandlung dieser Schwangerschaftskomplikation erfolgt durch eine Ernährungsumstellung in Kombination mit Erhöhung der körperlichen Aktivität. Lassen sich durch diese Maßnahmen die Blutzuckerwerte nicht normalisieren, ist eine Insulintherapie angezeigt. Die Behandlung orientiert sich grundsätzlich an folgenden drei Zielen:

  • Möglichst normale Blutzuckerwerte (<7,8 mmol/l 1h nach dem Essen, <5,3 mmol/l morgens nüchtern) unter Vermeidung von Stoffwechselentgleisungen
  • Gewichtszunahme der Mutter entsprechend der Schwangerschaftsempfehlungen
  • Entwicklungsgerechtes Wachstums des Ungeborenen (nicht zu schwer und auch nicht zu leicht)

In der Gestationsdiabetes-Leitlinie wird empfohlen die Nährstoffe wie folgt zu verteilen: Kohlenhydrate 40-50 %, Protein 20 % und Fett 30-35 %. Es wird darauf hingewiesen, dass etwas weniger Kohlenhydrate (40-45 %) sich günstig auf die Blutzuckerwerte nach dem Essen auswirken. Jedoch sollten auch nicht zu wenig Kohlenhydrate (< 40 %) verzehrt werden, um das Risiko für Unterzuckerung und Stoffwechselentgleisungen wie diabetische Ketosen nicht zu erhöhen.

Die Kohlenhydratmenge sollte möglichst auf 3 nicht zu große Hauptmahlzeiten und 2-3 kleinere Zwischenmahlzeiten (inkl. Spätmahlzeit) verteilt werden. Aufgrund der häufig auftretenden morgendlichen Insulinresistenz ist der Blutzuckeranstieg zu dieser Tageszeit am größten. Daher wird empfohlen, zum Frühstück etwas weniger Kohlenhydrate zu verzehren als zum Mittag. Betroffene sollten außerdem auf die Kohlenhydratqualität achten, das heißt viele Lebensmittel mit einem niedrigen glykämischen Index verzehren.

Unsere Gastautorin – Dr. Claudia Miersch – litt in ihrer 2. Schwangerschaft ebenfalls an dieser Stoffwechselstörung und hat auf ihrer Internetseite www.schwangerschaftsdiabetes.net weitere hilfreiche Tipps für eine erfolgreiche Ernährungsumstellung zusammengestellt.

 

Kohlenhydrate, die sich besonders gut eignen

Unser Körper gewinnt Energie aus den drei Hauptkomponenten der Nahrung: Kohlenhydrate, Fette und Proteine. Dabei haben die Kohlenhydrate den größten Einfluss auf den Blutzuckerspiegel. Durch Protein, Fett und Ballaststoffe im Lebensmittel kann der Anstieg des Blutzuckers verzögert werden. Kohlenhydrate sind lange Ketten aus einzelnen Zuckermolekülen, die im Darm in ihre Einzelmoleküle zerlegt werden und dann in die Blutbahn gelangen und dort zu einem Anstieg des Blutzuckers führen.

Als einfache Faustregel kann man sich merken: Lebensmittel mit vielen Kohlenhydraten werden oft aus Getreide hergestellt – Brot, Pasta, Kuchen, Kekse, Kräcker usw. Außerdem enthalten Kartoffeln, Bohnen, Mais, Erbsen, Obst, Milch und Joghurt größere Mengen Kohlenhydrate, aber zum Teil auch Fett und Protein. Lebensmittel, die wenig bis gar keine Kohlenhydrate enthalten, sind Fleisch, Fisch, Eier, ungesüßte Milchprodukte, Nüsse/Samen, fetthaltige Früchte (z.B. Avocado) und nicht-stärkehaltige Gemüsesorten.

Gute Kohlenhydratquellen bei Schwangerschaftsdiabetes sind:

+ Glutenfreies Getreide und glutenfreies Vollkornbrot (je körniger desto besser)

+ ungesüßte Frühstücksflocken aus Hafer, Hirse, Dinkel oder Roggen

+ Vollkornnudeln oder –reis (z.B. Wildreis/Naturreis), Quinoa ist auch gut

+ Naturjoghurt

+ Schokolade mit 70-85% Kakao-Anteil

+ Beeren-Früchte: eine Handvoll pro Mahlzeit, nicht mehr als 2-3 Portionen pro Tag

Süßigkeit Himbeeren

Natürlich süß und ein guter Snack für zwischendurch

 

Fazit

Mehr Informationen zum Thema Schwangerschaftsdiabetes und Ernährung bei dieser Stoffwechselstörung gibt es auf dem Infoportal von schwangerschaftsdiabetes.net. Dieses Portal wurde von der Ernährungswissenschaftlerin Dr. Claudia Miersch aufgrund ihrer persönlicher Erfahrungen mit dieser Schwangerschaftskomplikation ins Leben gerufen.

Sie möchte Betroffenen mit ihren Know-how und wissenschaftlichen Informationen bei der Ernährungsumstellung unterstützen und ihnen helfen gesünder und bewusster zu leben.

Ferner findest Du auf SchnellEinfachGesund wichtige und sinnvolle Beiträge zur gesunden Ernährung, wie zum Beispiel unsere zwei neuesten: Proteinreiche Lebensmittel und die 50 gesündesten Lebensmittel.

Hast Du noch Fragen oder Anmerkungen zu diesem wichtigen Thema? Dann hinterlass uns gerne eine Nachricht in den Kommentaren!

 

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