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Insekten essen – Die Vorteile auf einen Blick

von Martin Auerswald, M.Sc.
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Frittierte Würmer auf Holzteller, daneben Gabel und Löffel

Unter Insekten verstehen die meisten Menschen Ungeziefer. Doch ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht, Insekten sind eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Zukunft, neben Kartoffeln und Heilpilzen. Welche Vorteile Insekten essen bietet und wie das in der Praxis aussehen könnte, erfährst Du hier in einem kurzen Überblick.

 

Warum sollten wir Insekten essen?

Bevor es richtig losgeht: Shrimps und Garnelen sind auch Insekten und werden von vielen Menschen gegessen. Schnecken gelten als Delikatesse, Jakobsmuscheln ebenso.

Der Mensch isst und trinkt vieles, was auf den ersten Blick ziemlich absurd anmuten mag. Weil es sich jedoch etabliert hat, denken wir meist gar nicht mehr darüber nach. Beim Thema Insekten essen verhält es sich genauso. 1–2 Milliarden Menschen essen Insekten sogar auf nahezu täglicher Basis.

Blicken wir hundert Jahre in die Zukunft: Die Erdbevölkerung wird wahrscheinlich 20 bis 30 Milliarden Menschen zählen, das Klima hat sich bereits stark erhitzt, die Polkappen sind geschmolzen, Wüsten breiten sich aus, das Süßwasser wird knapp, ebenso der Platz, der auf dem Festland zur Verfügung steht. Immer mehr Menschen drängen sich auf immer engerem Raum.

Heute ist es noch möglich, 8 Milliarden Menschen zu ernähren, aber wie wird es in Zukunft aussehen, wenn wir viermal so viele Menschen sind und uns der Platz zum Anbau von Nahrungsmitteln ausgeht? Natürlich ist das Bevölkerungswachstum das zentrale Problem, dennoch sollten wir uns jetzt schon Gedanken machen, wie diese Menschenmassen ernährt werden sollen.

Eine wichtige Rolle spielen Nahrungsmittel, die nur wenige Ressourcen brauchen, um produziert zu werden: wenig Dünger, Energie, Wasser und Raum. Gleichzeitig sollten sie möglichst viele Nährstoffe und Kalorien liefern.

Möchtest Du wissen, welche vier Nahrungsmittel nach aktuellem Wissensstand ein Maximum an Nährstoffen liefern und nur ein Minimum an Ressourcen benötigen?

  1. Pilze
  2. Kartoffeln
  3. Algen
  4. Insekten

Denkt man länger darüber nach, überrascht diese Liste nicht. Pilze, Kartoffeln und Algen sind uns allen als Nahrungsmittel vertraut. Aber sollten wir auch Insekten essen? Rein ökologisch und ökonomisch betrachtet – ja.

Auch heute schon? Wieder lautet die Antwort Ja. Ich zeige Dir, was für den Verzehr von Insekten spricht.

 

Insekten essen – 7 nicht zu leugnende Vorteile

Ich bin ein großer Befürworter, wenn es darum geht, Insekten zu essen. Im Folgenden zeige ich Dir auf, was mich überzeugt hat.

 

Wenig H2O und CO2

Die Landwirtschaft ist einer der größten Produzenten des Treibhausgases Kohlendioxid. Die Produktion von Insekten in speziell dafür errichteten Hallen ist im Vergleich zur Anzucht von Schweinen oder Geflügel sehr effizient, was den CO2 Ausstoß betrifft. Um 1 kg Protein aus Insekten heranzuzüchten, ist nur ein Bruchteil dessen nötig, was für die Produktion von 1 kg Protein aus Schweinefleisch benötigt wird. Insekten sparen CO2.

Gleichzeitig verbraucht die Anzucht von Insekten weitaus weniger Wasser, weil Insekten nur wenig trinken und über Haut und Atemwege kaum Wasser verlieren.

CO2-Emissionen zu minimieren und den Wasserverbrauch effizienter zu gestalten, wird in der Zukunft zunehmend an Bedeutung gewinnen. In diesem Kontext erweisen sich Insekten als gute Alternative zur üblichen Massentierhaltung und aus Platzgründen auch zur Bio-Haltung.

 

Schnelles Wachstum

Modernes Geflügel ist – dank Massentierhaltung, Hormonen, Antibiotika und Kraftfutter – innerhalb von 3 bis 4 Wochen schlachtreif. Den Tieren gegenüber ist das eine verachtenswerte Praxis.

Insekten wachsen sehr schnell. Bis sich aus einer kleinen Larve ein ausgewachsener Käfer oder eine ausgewachsene Heuschrecke entwickelt, vergehen nur wenige Tage. Auch das ist ökonomisch.

 

Schmerzen?

Als direkten Vergleich ziehe ich hier immer wieder die Massentierhaltung heran, weil ich bezweifle, dass unsere Gesellschaft die Massentierhaltung im Laufe der nächsten Jahre abschaffen kann. Befürworten würde ich es sehr, denn was den Tieren durch Massentierhaltung angetan wird, ist eine der größten Sünden im Laufe der Menschheitsgeschichte.

Insekten können nicht nur platzsparend gezüchtet werden, sie haben auch ein weitaus primitiveres Nervensystem als Säugetiere und sind demnach nicht im selben Ausmaß zu Schmerz oder Leid fähig wie Tiere. Sofern sie überhaupt in der Lage sind, Schmerzen zu empfinden.

Selbst wenn es in Zukunft zur massenhaften Haltung von Insekten kommt – Insekten können fliegen und Wände hoch krabbeln. Sie hätten wahrscheinlich immer noch mehr Platz und Nahrung zur Verfügung als die Tiere, die heute auf engstem Raum eingepfercht werden.

 

Platzsparend

Diesen Punkt hatten wir bereits in der Einleitung erwähnt, aber ich möchte ihn noch einmal wiederholen: In einer 10.000 m² großen Halle kann in kürzerer Zeit weitaus mehr Biomasse durch Insekten herangezüchtet werden, als es durch die Haltung von Säugetieren oder Geflügel möglich wäre. Dieser Vorteil wird in Zukunft noch wichtig werden.

 

Mager

Gesunde Fette nehmen im Rahmen der menschlichen Ernährung einen bedeutenden Stellenwert ein. Doch aus Massentierhaltung kann nicht viel Gutes erwachsen – gesunde Fette schon gar nicht. Einige Insekten, darunter die Wanderheuschrecke, sind von Natur aus relativ fettarm und weisen darüber hinaus kein Fettgewebe auf, in dem sich Giftstoffe ablagern können.

Darüber hinaus gibt es viele Menschen, die aufgrund genetischer Ursachen oder krankheitsbedingt nicht viel Fett essen können, wollen oder dürfen. Für Betroffene stellen Insekten eine günstige und fettarme Proteinquelle dar. Apropos Protein …

 

Viel Protein und Ballaststoffe

Folgendes sollte betont werden: Insekten bestehen quasi nur aus Proteinen, Ballaststoffen und ein bisschen Wasser. Ähnlich wie Leinsamen werden Insekten als Nahrungsmittel allerdings stark unterschätzt, obwohl eine höhere Ballaststoff- und Proteinzufuhr für die meisten Menschen von Vorteil wäre.

Die Proteine sind tierisch und nicht pflanzlich und weisen eine annehmbare biologische Wertigkeit auf. Die Ballaststoffe liegen in Form von Chitin vor, das unverdaulich für uns ist. Chitin (Poly-N-Acetyl-Glucosamin) ist der feste Stoff, aus dem Flügel, Panzer und die anderen harten Bestandteile (das Exoskelett) der Insekten bestehen. Chitin ist darüber hinaus in Pilzen und Weichtieren enthalten. Shrimps und Garnelen weisen übrigens auch eine ordentliche Menge Chitin auf.

 

Nährstoffe

Neben Proteinen, Ballaststoffen und, je nach Insektenart, Fettsäuren (einfach und mehrfach ungesättigt) sind Speiseinsekten eine gute Quelle für einige Nährstoffe: Zu nennen sind Kupfer, Eisen, B-Vitamine (in einigen Arten besonders Folsäure), Mangan, Phosphor, Selen und Zink (s. Rumpold, 2013).

Frittierte Insekten in Aluschale

Frittierte Insekten auf einem Markt in Bangkok. Sieht so die Zukunft auf? Vielleicht …

Der Mensch ist absurd – aber weigert sich, Insekten zu essen?

An dieser Stelle möchte ich noch einmal das Bewusstsein schärfen. Wir Menschen sind Neuem gegenüber äußerst skeptisch und es dauert meist lange Zeit, bis sich Neues in der Gesellschaft etabliert.

Wer „Insekten“ hört oder liest, denkt wahrscheinlich im ersten Moment: igitt! Mir erging es übrigens früher nicht anders. Folgendes sollten wir uns aber stets vor Augen halten: Wir Menschen essen und trinken viele absurde Dinge, die aus gesundheitlicher, ethischer und ökologischer Perspektive absolut keinen Sinn ergeben. Aber wir weigern uns, Insekten zu essen …

Zur Erinnerung:

  • 1 bis 2 Milliarden Menschen weltweit essen Insekten auf fast täglicher Basis. 95 % davon in Afrika, Asien und Mittelamerika. Krank werden die Menschen davon nicht. Im Gegenteil: Insekten sind wichtige Proteinquellen.
  • Garnelen und Shrimps sind auch Insekten, die wir essen. Im Grunde die „Insekten des Ozeans“. Sie haben sich jedoch schon seit Längerem auf unseren Speisekarten etabliert, landen fertig geputzt auf unseren Tellern und haben optisch nichts mehr mit Insekten gemein – Insekten sind es dennoch.
  • In jeder menschlichen Kultur gibt es kulinarische Absurditäten, über die wir nur mit dem Kopf schütteln können: Irgendwo auf der Welt isst man Meerschweinchen, was mir persönlich einen Stich ins Herz versetzt. Auf der anderen Seite habe ich bereits Frösche und Kaviar (Fischeier) gegessen … Auch nicht ganz ohne, oder?
  • Und noch etwas, das auf die meisten von uns zutrifft: Wir trinken die Muttermilch von anderen Tieren. Rein biologisch betrachtet ist das nicht nur eklig, sondern auch unsinnig. Wir nehmen einer Kuh das Kalb weg und ernten sozusagen die Muttermilch, um sie selber zu trinken. Aber Insekten essen? Furchtbar! (Achtung Ironie.)

Ich will nicht hetzen, sondern nur aufklären und Bewusstsein schaffen. Denn angesichts einiger Absurditäten, die für uns normal, aber biologisch betrachtet äußerst fraglich sind, ist es gar nicht mehr so abwegig, Insekten zu essen. Zumal rational gesehen viel dafür spricht.

 

Was ist mit Insekten-Allergien?

Dazu ganz kurz: Es gibt Allergien gegen Krustentiere, also gibt es theoretisch auch Allergien gegen Speiseinsekten. 3 bekannte Allergene sind bekannt, darunter Tropomyosin und Argininkinase. Einzelne Menschen werden auf Speiseinsekten allergisch reagieren, aber das ist kein Grund zur Sorge (s. Ribeiro, 2018).

 

Welche Insekten kann man essen?

Natürlich gibt es Insekten, die von Natur aus giftig oder ungenießbar sind. Aktuell wird viel geforscht. Tatsächlich können wir uns im Futtermittelmarkt für Tiere umsehen, um zu schauen, welche Insekten am wahrscheinlichsten für uns infrage kommen würden:

  • Heuschrecken
  • Mehlwürmer
  • Larven
  • Grillen
  • Buffalowürmer

 

Wie schmecken Insekten?

Zugegeben, das ist der Knackpunkt: Insekten schmecken anders. Erdig. Intensiv. Neuartig.

Ich habe in Thailand Insekten als Streetfood probiert. Es waren Buffalowürmer und Heuschrecken, die in Öl angebraten und dem Geschmack nach zu urteilen mit viel Chili gewürzt wurden. Sonderlich gut geschmeckt haben sie nicht.

Natürlich könnte man jetzt sagen, dass das eine Sache der Gewöhnung ist. Der erste Kaffee und das erste Bier im Leben eines Menschen schmecken in der Regel auch furchtbar. Mit Insekten scheint es in der Hinsicht nicht anders zu sein. Zusätzlich kommt bei den meisten Menschen noch der Ekelfaktor hinzu, weshalb es Insekten schwer haben werden, sich zu etablieren.

Vor einer Weile habe ich Mehlwürmer aus dem Futterhandel bestellt (mit Bio-Zertifizierung und frei von Schadstoffen) und versucht, sie lecker zuzubereiten: in der Pfanne mit Olivenöl, Knoblauch und Gewürzen. Ich habe sie zermahlen, zu Frikadellen geformt und sie als Rührei-Zusatz verwendet. Das Resultat? Ich habe es nicht geschafft, den stark erdigen Geschmack zu neutralisieren (auch nicht mit viel Ketchup) und die Mehlwürmer so zuzubereiten, dass sie wirklich lecker waren. Allerdings bin ich auch kein Koch.

Es liegt also zunächst in der Hand der Gastronomie und der Nahrungsmittelunternehmen, Insekten so zuzubereiten, dass sie optisch halbwegs ansprechend und geschmacklich lecker sind.

Gleichzeitig hoffe ich, durch Beiträge wie diesen Aufmerksamkeit zu erregen und zur Steigerung der Nachfrage nach Insekten beitragen zu können. Besteht die Nachfrage, folgt das Angebot. So funktioniert Marktwirtschaft.

Ein kleines Angebot besteht sogar jetzt schon, z. B. Heuschrecken-Schokolade und diverse andere Knabber-Insekten-Snacks. Leider sind diese Produkte unbeschreiblich teuer. In der Hichsicht muss sich noch eine Menge tun.

Es gibt sogar Brutkästen, mit denen man sich zu Hause Insekten züchten kann, ähnlich wie Sprossen oder Sauerkraut. Wer weiß? Vielleicht wird sich die Zucht zu Hause sogar eines Tages durchsetzen.

 

Ein großes Problem: Die Zulassung von Insekten als Nahrungsmittel

In der EU sind Speiseinsekten noch nicht vollumfänglich als Nahrungsmittel zugelassen. Aus diesem Grund ist auch die Nachfrage gering. Das könnte sich aber sehr bald ändern: In den USA sind Insektenriegel bereits etabliert (Bsp: Exoprotein), das heißt, Insekten sind dort als Nahrungsmittel zugelassen. Wenn die EU sieht, dass das Konzept in den USA funktioniert, sollte es in maximal fünf Jahren auch hier ankommen.

Ich hoffe, dass sich bald etwas bewegt, Insekten als Nahrungsmittel zugelassen werden, das Angebot größer und günstiger wird und die Nachfrage entsprechend steigt.

Insekten würden dann zur interessanten Proteinquelle für die breite Masse, was dazu führen könnte, dass der Fleischverzehr sinkt. Ein wichtiger Schritt Richtung Zukunft.

 

Insekten als Futtermittelzusatz

Wenn Speiseinsekten nicht als Nahrungsmittel für Menschen taugen, dann könnten sie zumindest als Futtermittelzusatz wichtig werden – auch für Masttiere würden sie eine gute Proteinquelle darstellen. In der Fischzucht werden sie heute schon erfolgreich eingesetzt, vielleicht auch bald in der Tierzucht (vgl. van Huis, 2016)?

 

Zusammenfassend – Insekten essen könnte ein ganz großes Ding werden

Normalerweise schreiben wir Praxis groß, doch der heutige Beitrag war eher theorielastig. Ab und zu muss das sein. Ich hoffe, dass sich Insekten als Nahrungsmittel schon bald etablieren und zumindest teilweise Abhilfe für die Probleme schaffen, denen sich die Menschheit im 21. Jahrhundert gegenübersieht. Ich bin gespannt, wie sich das Feld in naher Zukunft entwickelt. Die Zucht von Pilzen und besonders Heilpilzen schwappt langsam nach Europa über, das Essen von Insekten könnte bald folgen.

Wie ist Deine Erfahrung und Meinung zum Thema Insekten essen? Möchtest Du gerne etwas hinzufügen? Welchen Punkt siehst Du kritisch?

Ich freue mich über Deinen Kommentar!

Quellenverzeichnis

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