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Myokine – die mächtige Heilkraft aus Deinen Muskeln

von Martin Krowicki, M.A.
Veröffentlicht: Zuletzt bearbeitet:

Myokine bekräftigen die erstaunlichen Eigenschaften unseres Körpers die eigene Selbstheilung zu regulieren. Eine gute Muskulatur ist längst nicht mehr nur aus optischer oder leistungsorientierter Perspektive interessant, sondern auch aus Sicht der eigenen Gesunderhaltung.

Einige Veröffentlichungen haben Myokine mit dem Beisatz die Apotheke unsere Körpers geehrt. Blicken wir auf knapp 20 Jahre Forschung zurück, so scheint dieser Titel gerechtfertigt. Es zeigen sich immer mehr Belege dafür, dass Myokine die Hauptursache für die positiven Wirkungen von Sport und Bewegung in Prävention und Therapie sind.

Lass uns nun in die fantastische Welt der Myokine eintauchen und uns ihre Funktionen sowie 6 wichtige Vertreter einmal genauer anschauen. Zum Abschluss lernst Du die effektivsten Wege kennen, wie Du am besten von Myokinen profitieren kannst.

Übrigens – Du findest dieses spannende Thema in folgender Episode zum anhören in unserem Podcast:

Was sind Mykonie?

Myokine sind hormonähnliche, körpereigene Botenstoffe, die als Untergruppe der Interleukine (Zytokine, Peptidhormone) eingestuft wurden und zu den Zellen unseres Immunsystems zählen.

Diese Botenstoffe werden im Muskel als Reaktion auf Kontraktionen synthetisiert und freigesetzt. Aus dieser Funktion leitet sich auch die Wortherkunft ab (lat. mys = Muskel, kinema = Bewegung).

Zahlreiche Myokine regulieren unser Immunsystem, Entzündungen sowie verschiedene Auf- und Abbauprozesse im Körper. Dabei sind sie an der hormonellen Regulation anderer Gewebe (z.B. Fettgewebe) und Organe (z.B. Leber, Bauchspeicheldrüse, Gehirn) beteiligt.

Das Thema ist auch deshalb so spannend, da wir uns in einem verhältnismäßig sehr jungem Forschungsgebiet bewegen. 1997 hat man das erste Myokin (Myostatin) entdeckt und seit Anfang der 2000er Jahre finden vermehrt Forschungen in diesem Bereich statt. 2007 wurde der Begriff Myokine durch dänische Forscher um Pederson et al. geprägt. Seitdem konnten etwa 600 – 700 Myokine entdeckt werden [1].

Wahrscheinlich war das Gebiet noch so neu, dass es die Inhalte noch nicht mal in mein Sportwissenschaft-Studium geschafft haben. Ich hoffe, dass es mittlerweile Platz im Lehrplan findet.

Aber es ist doch schön zu wissen, dass Du bei erhöhter Muskelaktivität ein wahres Arsenal an körpereigenen, heilsamen Botenstoffen ausgeschüttet, oder? (Wenn das mal kein Grund für sofortige 10 Kniebeugen ist – bist Du dabei?)

 

Wie und wo genau wirken Myokine?

Wird Deine Muskulatur in Schwung versetzt, dann schwärmen eine Vielzahl an Myokinen aus und treten mit anderen Zellen, Geweben und Organen in Kontakt. Mittlerweile wurde eine überwältigende Zahl an Wirkungswegen erforscht, weshalb ich Dir die wichtigsten kurz aufzählen möchte:

  • Fettgewebe (Erhöhung der Lipolyse = Fettdepots anzapfen)
  • Braunes Fettgewebe (stoffwechselaktiv, Vermehrung über Ausschüttung von Irisin)
  • Leber (Ausschüttung von Glykogen via IL-6 = gespeicherte Glukose)
  • Darm (Stimulation von GLP-1 via IL-6, wichtig im Blutzuckerstoffwechsel)
  • Bauchspeicheldrüse (Ausschüttung von Insulin)
  • Knochen (IGF-1 als Wachstumsfaktoren)
  • Gehirn- und Nervensystem (via BDNF = Wachstumsfaktor)
  • Immunsystem (IL-6 stimuliert Lymphozyten, Makrophagen)

Einen Überblick über die wichtigsten Signalwege findest Du hier:

Myokine Übersicht

Überblick über die wichtigsten Myokine, ihre Signalwege und Wirkungsstätten (Pedersen 2016) [2]

Am Ende brauchst Du Dich gar nicht so sehr auf die Details fokussieren. Wichtig zu wissen ist, dass die Myokine zahlreiche regulierende Prozesse in Gange setzen und damit präventiv als auch in der Therapie von zahlreichen Erkrankungsbildern relevant sind.

Studien zeigen erste positive Wirkmechanismen, die bei folgenden Erkrankungsbildern interessant sein können (häufig wurde dabei übrigens Irisin angegeben, welches auf bei Kältetraining ausgeschüttet wird):

  • Krebserkrankungen (Prostatakrebs, Brustkrebs) [3, 4, 5]
  • Kardiovaskuläre Erkrankungen [6]
  • Neurologische Erkrankungen [6]
  • Metabolisches Syndrom [2, 6]
  • Arthrose [7]
  • Darmerkrankungen [7]
  • Autoimmunerkrankungen [7]

Damit macht auch Bewegungstherapie als Basis der Behandlung der genannten Krankheiten umso mehr Sinn.

 

Sechs Mykonie im Fokus

Lass uns nun einige Vertreter der Mykone und ihre speziellen Eigenschaften etwas näher unter die Lupe nehmen. Los geht’s.

 

#1 Myostatin

Myostatin ist wohl das bekannteste Myokin, welches zuerst entdeckt wurde (1997). Bekannt sind Dir vielleicht die Bilder von übermuskulösen Bullen oder Mäusen, bei denen ein Gendefekt im Bereich der Myostatin Bildung vorliegt.

Myostatin ist ein Regulator des Muskelwachstums und hält die Waage zwischen Auf- und Abbau. Wird zu wenig Myostatin gebildet oder die Wirkung gehemmt, dann wachsen Muskeln unkontrolliert.

Myostatin ist also wichtig für unsere muskuläre Balance, denn – so gern es Bodybuilder anders hätten – ein Zuviel an aufbauenden Prozessen ist weder gesund noch vorteilhaft. So sieht das dann aus:

Myostatin Bulle

So sieht es aus, wenn ein Gendeffekt des Myostatin Gens vorliegt: ungehemmtes Muskelwachstum. Quelle: Von Mastiff – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8288675

 

#2 Interleukin-6 (IL-6)

Wie Du vielleicht oben in der Grafik schon gesehen hast, ist Interleukin-6 an zahlreichen Prozessen beteiligt. Dies hängt auch damit zusammen, dass zu den am meisten erforschten Myokinen zählt.

Interleukin-6 wird über die Blutgefäße im Körper verteilt und wirkt auf unser Immunsystem, unsere Muskulatur, unseren Darm und unseren Energiestoffwechsel.

Interleukin-6 hat auch negative Eigenschaften, indem es Signalwege des Muskelverlustes triggern kann. Dauerhaft erhöhte IL-6 Werte können außerdem Insulinresistenz, Entzündungen und Übergewicht verstärken.

Entscheidend ist hierbei die Balance: Akut erhöhte IL-6 Werte nach dem Sport sind positiv und normal. Chronisch erhöhte IL-6 Werte (auch in Abwesenheit von Sport) sind dagegen ein Zeichen für Entzündungsgeschehen.

 

#3 Irisin

Auf Irisin werden viele der positiven Wirkungen von Sport auf diverse Erkrankungen zugeschrieben. Studien diskutieren die Wirkungen auf Krebserkrankungen, metabolische Erkrankungen sowie Alzheimer-Demenz.

Der Botenstoff fördert außerdem die Entwicklung von weißem Fettgewebe zu stoffwechselaktiven braunem Fettgewebe. Darüber haben wir schon im Beitrag über kalt Duschen geschrieben (Kälte führt ebenfalls zur Ausschüttung von Irisin).

Als Gegenpart zu Myostatin zeigt sich, dass es die Proteinsynthese steigern kann und damit Muskelwachstum fördert.

 

#4 Myonektin

Myonektin kann in unserem Fettstoffwechsel wirksam werden und sorgt dafür, dass Fettsäuren in die Zelle gelangen und dort durch die Mitochondrien als Energieträger verwertet werden. Untersuchungen legen auch nahe, dass Myonektin die Mitochondrien stärken könnte (mitochondriale Biogenese). [8]

Es wird auch diskutiert, ob Myonektin potentiell wirksam bei Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sein könnte – vor allem aufgrund der Wirkungen auf unseren Fettstoffwechsel.

 

Myokine und ihre Wirkungen Infographik

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#5 BDNF

Ein weiteres prominentes Myokin ist BNDF (Brain-Derived Neurotrophic Factor). BDNF wirkt besonders auf neuronaler Ebene und reguliert den Aufbau von Nervenzellen, ihr Überleben sowie die neuronale Plastizität.

Auf BDNF können also potentielle Wirkungen für die Gesundheit unseres Gehirn- und Nervensystems zurückzuführen sein.

Auf muskulärer Ebene wird BDNF bei der Regeneration von verletzten Strukturen als Signalstoff aktiv, welcher die Proliferation fördert (erster Schritt der Wundheilung).

 

#6 FGF-21

FGF-21 (Fibroplast Growth Factor-21) ist auch wieder im Rahmen unseres Muskelaufbaus und -abbaus interessant. FGF-21 kann das Wachstum der Skelettmuskulatur triggern.

Außerdem kann es wie auch Myonektin die mitochondriale Biogenese anheben, was sich wiederum positiv auf unseren Energiestoffwechsel auswirkt.

Myokine Muskel

Unsere Muskulatur ist weit mehr als Optik und Kraft – sie kann unsere Heilung vorantreiben.

 

Wie profitiere ich von Myokinen?

Wie Du siehst übernehmen Myokine zahlreiche, regulierende Funktionen in unserem Körper. Durch die fortwährende Forschung wird auch immer klarer, warum Bewegung eine der “wirksamsten Pillen” bei vielen Erkrankungen ist.

Um die körpereigene Apotheke zu aktivieren musst Du eigentlich nicht mehr tun, als Dich zu bewegen. Klingt einfach – ist einfach 🙂

Myokine werden auch schon bei einfachen, alltäglichen muskulären Kontraktionen ausgeschüttet (beim Treppensteigen, beim Spazieren, beim Aufstehen und Hinsetzen).

Es zeigt sich aber auch ein exponentieller Anstieg der Myokin-Ausschüttung mit vermehrter Intensität (so zum Beispiel bei Irisin).

Als Empfehlung für Dich möchte ich daher drei Empfehlungen ableiten:

  1. Alltagsaktivität ist King (10.000 Schritte pro Tag, Treppensteigen und Co.).
  2. Führe 2 x pro Woche intensivere Workouts durch (Krafttraining, Sprints).
  3. Übertreibe es nicht – Übertraining verschiebt die Balance ins Negative (halte Pausentage ein)

Ein weiterer Gedanke, der mir hierbei noch wichtig ist, ist folgender: Myokine sind Botenstoffe und stoßen Folgeprozesse an (Muskelaufbau, Fettabbau, Immunaktivität). Der Körper muss jedoch alle Ressourcen haben, um die darauf folgenden Stoffwechselwege in Gang zu setzen.

Hier kommen wieder Nährstoffe ins Spiel (Magnesium, Vitamin D, Aminosäuren und Co.). Damit Du also wirklich von Bewegung profitieren kannst, solltest Du auf volle Nährstoffspeicher achten. Mehr dazu findest Du in unsere Kategorie: Nähr- und Vitalstoffe

Im Rahmen einer gesunden Muskulatur sind folgende Nährstoffe besonders wichtig:

Amino_8_viktilabs_WB

 

Fazit – die Selbstheilungskräfte stärken

Dank der Myokine können wir die körpereigenen Regulations- und Heilungsprozesse besser verstehen. Das Wissen ums diese Botenstoffe ist wichtig, da es die Bedeutung von Bewegung und Sport noch mehr in den Mittelpunkt rückt.

Viele Prozesse unseres Körpers werden erst durch Bewegung aktiv. Sage und schreibe über 600 Myokine werden dabei in Aktion versetzt – eine Wirkungsbreite, die keine Pille der Welt ersetzen kann.

Lass das nicht ungenutzt und bleib in Bewegung!

Was ist Deine Meinung zu Myokinen? Kanntest Du sie bereits? Motivieren Dich diese Informationen noch aktiver zu werden? Schreib es gern in die Kommentare.


  1. Pedersen, B. K., Akerström, T. C., Nielsen, A. R., & Fischer, C. P. (2007). Role of myokines in exercise and metabolism. Journal of applied physiology (Bethesda, Md. : 1985), 103(3), 1093–1098. https://doi.org/10.1152/japplphysiol.00080.2007
  2. Pedersen B.K. (2016) Myokines and Metabolism. In: Ahima R.S. (eds) Metabolic Syndrome. Springer, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-319-11251-0_31
  3. Tsiani, E., Tsakiridis, N., Kouvelioti, R., Jaglanian, A., & Klentrou, P. (2021). Current Evidence of the Role of the Myokine Irisin in Cancer. Cancers, 13(11), 2628. https://doi.org/10.3390/cancers13112628
  4. Kim, J. S., Wilson, R. L., Taaffe, D. R., Galvão, D. A., Gray, E., & Newton, R. U. (2022). Myokine Expression and Tumor-Suppressive Effect of Serum after 12 wk of Exercise in Prostate Cancer Patients on ADT. Medicine and science in sports and exercise, 54(2), 197–205. https://doi.org/10.1249/MSS.0000000000002783
  5. Gannon, N. P., Vaughan, R. A., Garcia-Smith, R., Bisoffi, M., & Trujillo, K. A. (2015). Effects of the exercise-inducible myokine irisin on malignant and non-malignant breast epithelial cell behavior in vitro. International journal of cancer, 136(4), E197–E202. https://doi.org/10.1002/ijc.29142
  6. So, B., Kim, H. J., Kim, J., & Song, W. (2014). Exercise-induced myokines in health and metabolic diseases. Integrative medicine research, 3(4), 172–179. https://doi.org/10.1016/j.imr.2014.09.007
  7. Díaz, B. B., González, D. A., Gannar, F., Pérez, M., & de León, A. C. (2018). Myokines, physical activity, insulin resistance and autoimmune diseases. Immunology letters, 203, 1–5. https://doi.org/10.1016/j.imlet.2018.09.002
  8. Seldin, M. M., Peterson, J. M., Byerly, M. S., Wei, Z., & Wong, G. W. (2012). Myonectin (CTRP15), a novel myokine that links skeletal muscle to systemic lipid homeostasis. The Journal of biological chemistry, 287(15), 11968–11980. https://doi.org/10.1074/jbc.M111.336834

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